DiDah Dialog in Dahlhausen
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Lesung der Autorin Dr. Widad Goussous
Kunst kann man am Sonntag, den 4. November, im Stadtteilzentrum live erleben. Die jordanische und in Bochum lebende Autorin Dr. Widad Goussous wird aus ihrem autobiographisch gefärbten Buch „Mensch 2. Klasse?“ vorlesen. In den Erzählungen verarbeitet sie Begebenheiten aus ihrer Kindheit und Jugend in einem jordanischen Dorf und in Amman, ihre Erlebnisse als Lehrerin in einer jordanischen Staatsschule und ihre Erfahrungen als Frau und Migrantin in Deutschland.
Als Vorgeschmack auf diese Veranstaltung im Folgenden eine kleine Erzählung aus dem Buch „Mensch 2. Klasse?“:

Die neue Lehrerin

Die neue Lehrerin war sehr nett zu mir und lobte mich so oft vor allen Kindern, dass ich anfing, die Schule zu lieben. „Man bemerkt erste Anzeichen von Intelligenz bei Ihrer Tochter“, hörte ich sie einmal zu meiner Mutter sagen. Ich bekam sogar eine „Auszeichnung“, die von reichlich Lob und Beifall begleitet wurde. Sie bestand aus einem großen, mit Stoff überzogenen Knopf mit drei Schleifen daran, auf den die zwei Buchstaben „OS“ gedruckt waren. Andere Kinder bekamen zwar auch Auszeichnungen, aber ihre hatten nur eine Schleife. Mein Vater war sehr stolz auf mich. Er zeigte jedem Verwandten, der uns besuchte, den Knopf und fragte nach der Bedeutung von „OS“. Einer sprach ein wenig Englisch und erklärte meinem Vater, dass „OS“ die Initialen der zwei Wörter „Orthodox School“ seien.

Ich habe bei dieser Lehrerin auch die zehn Gebote, die Namen der zwölf Söhne Jakobs und viele Geschichten des Alten Testamentes, vor allem die Schöpfungsgeschichte, gelernt. Man brachte uns bei, dass Gott die Welt und sämtliche Kreaturen in sechs Tagen schuf. Dabei dachten wir nicht einmal daran zu fragen, wie Gott zuerst den Tag und die Nacht hatte schaffen können, wo er Sonne und Mond erst später hervorbrachte, und wie all diese Dinge zusammenhingen.

Da Adam die Rippe, aus der Eva geschaffen worden war, fehlte, hätten alle Männer, so erläuterte uns die Lehrerin, nur dreiundzwanzig Rippen, Frauen vierundzwanzig! Zur Veranschaulichung ihrer These nahm sie einen kleinen Jungen der Klasse, stellte ihn auf den Tisch vor uns und tastete seine Rippen ab, laut auf beiden Seiten die Rippen zählend. Sie resümierte: „Hier, auf dieser Seite, gibt es zwölf Rippen und hier, auf der anderen Seite, nur elf, die Mädchen haben auf beiden Seiten zwölf Rippen.“ Wir glaubten alles. Einige Jungen versuchten, ihre Rippen zu zählen, und vielleicht waren sie neidisch auf die Mädchen, weil diese eine Rippe mehr hatten.

Ich hörte diese Geschichten und träumte von ihnen in der jeder Nacht. Ich träumte von Engeln und Heiligen, dass sie mit uns aßen und tranken, dass sie miteinander stritten und sich schlugen. Auch mit Jesus redete ich in einem Traum.

In dieser Schule lernten wir auch, dass wir Mitleid mit den Armen haben und ihnen helfen müssten. Wir sollten nie einen Bettler, der an unsere Tür klopft, um ein Stück Brot zu erbitten, zurückweisen. Gott hörte schließlich alle Bitten der Armen und Unterdrückten.

Aus: Widad Goussous, Mensch 2. Klasse? – Erfahrungen einer ausländischen Studentin arabischer Herkunft in Deutschland, Europäischer Universitätsverlag, Berlin Dülmen London Paris, 2003


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