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Alt und pflegebedürftig in der „Fremde“
Ganz oben auf der Agenda: kultursensible Altenpflege

Ohne Zweifel, welcher Migrant aus der ersten Generation hätte sich vorstellen können, als älterer und gebrechlicher Mensch in Deutschland seinen Lebensabend zu verbringen? Damals waren sie im Verständnis der Deutschen als „Gastarbeiter“ angeworben worden, und auch die Migranten selbst sahen ihren Aufenthalt in dem fremden Land als nur vorübergehend an: Es war ein beidseitiges Zweckbündnis auf Zeit. Doch zu Beginn des 21. Jahrhunderts sieht die Realität anders aus. Die gesellschaftliche und demographische Entwicklung zeigt auf, dass der Anteil der älteren und pflegebedürftigen Migrantinnen und Migranten wächst. Daher muss sich auch die Altenpflege in Deutschland in der Ausbildung und in der Pflegepraxis auf Veränderungen einstellen. Uwe Machleit, Diplom-Psychologe und Leiter des Fachseminars für Altenpflege der Augusta-Akademie in Bochum-Linden, stellt sich den Fragen des DiDah-Journalisten Patrick Buber.

Uwe Machleit, Leiter des Fachseminars für Altenpflege der Augusta-Akademie (Foto: Patrick Buber)
Uwe Machleit, Leiter des Fachseminars für Altenpflege der Augusta-Akademie (Foto: Patrick Buber)


Herr Machleit, was verstehen Sie unter dem Begriff der kultursensiblen Altenpflege?

Der Begriff der kultursensiblen Altenpflege ist in den letzten fünf bis sechs Jahren in die Ausbildungsszene gekommen, bedingt durch die Tatsache, dass mittlerweile in Deutschland Menschen aus anderen Kulturen hier nicht nur arbeiten, sondern auch alt werden. Für sie müssen andere Pflegekonzepte greifen als die, die wir für alt gewordene pflegebedürftige deutsche Menschen anwenden.

Warum brauchen wir eine kultursensible Altenpflege?

Es muss gesehen werden, dass gerade in der zweiten und dritten Generation der Migranten, die sozialen Netze, die quasi sonst die Pflege der Angehörigen gewährleistet haben, brüchiger werden, etwa durch Berufstätigkeit. Ebenso will ein Grossteil der alt gewordenen Migrantinnen und Migranten auch nicht mehr in ihre Herkunftsländer zurückgehen. Sie wollen hier schlicht und ergreifend – auch zu Recht – in Deutschland alt werden. Unter diesem Gesichtspunkt glaube ich, dass wir schon die eine oder andere Besonderheit in der Pflege dieser Menschen berücksichtigen müssen.

Die von Ihnen geforderte Beachtung der besonderen Ansprüche findet sich im Lehrplan der Altenpflegeausbildung unter dem Lernfeld „Lebenswelten und soziale Netzwerke alter Menschen beim altenpflegerischen Handeln berücksichtigen“ wieder. Können Sie unseren Lesern dieses Lernfeld erklären?

Wir haben in der Altenpflegeausbildung keine Unterrichtsfächer mehr, sondern Lernfelder. „Lebenswelten und soziale Netzwerke alter Menschen“ bedeutet, dass wir den Schülern Informationen über Herkunftsländer geben, dass wir den Schülern vermitteln, welche kulturellen Orientierungen und Besonderheiten gerade Migrantinnen und Migranten mitbringen, und dass wir ein Verständnis schaffen für andere religiöse und traditionelle Normen und Werte. Ein Beispiel: Wir bilden seit ganz vielen Jahren in unseren Klassen auch Menschen aus, die aus der Türkei kommen oder in der Türkei geboren sind. Wir haben sowohl männliche türkische Pfleger als auch weibliche türkische Altenpflegerinnen ausgebildet. So ist es verständlich, dass ein türkischer Mann lieber von einem türkischen Altenpfleger und ein ältere türkische Frau eher von einer türkischen Altenpflegerin betreut werden möchte. Wir müssen auf solche Besonderheiten schlicht und ergreifend eingehen.

Müsste aber nicht unter dem Aspekt der Ganzheitlichkeit die kultursensible Altenpflege fast in jedem Teilbereich angesprochen werden, beispielsweise auch im Lernfeld „Sterbende alte Menschen pflegen und begleiten“, zu dem auch die Sterberituale anderer Kulturen gehören?

Auf jeden Fall, denn wir haben in den letzten Jahren nicht nur Erfahrungen mit Menschen aus dem muslimischen Raum gemacht, sondern auch mit Menschen aus dem osteuropäischen Raum, aber auch mit Sinti und Roma. In diesen Kulturkreisen verlaufen Sterbebegleitungs- und Trauerrituale ganz anders. Das muss vermittelt werden. Wenn eine Pflegekraft das nicht erlebt hat und nicht kennt, dann kann sie manchmal schon etwas irritiert sein, welche anderen Formen von Trauer und Trauerbewältigung es gibt.

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat vor kurzem ein Handbuch zur praktischen Umsetzung der kultursensiblen Altenpflege herausgegeben. Darin wird empfohlen, dass die einzelnen Aspekte der kultursensiblen Altenpflege im gesamten Lehrplan eingeflochten werden sollen. Wie können Sie sich so eine Umsetzung in Ihrem Fachseminar für Altenpflege vorstellen?

Dieses Handbuch gibt es erst seit kurzem. Es kann ein Projekt unser Schule sein, den schulspezifischen Lehrplan um kultursensible Anteile des Handbuches zu ergänzen, d.h. zu schauen, in welchen Lernfeldern möglicherweise auf Aspekte der kultursensiblen Pflege in Zukunft eingegangen werden muss.

Wie sieht die derzeitige praktische Umsetzung der kultursensiblen Altenpflege insbesondere im Ambulanten Dienst der Augusta Akademie aus?

Wir kommen natürlich in der ambulanten Pflege in alle Haushalte. Vor allem in der ambulanten Versorgung wächst die Nachfrage bei älteren türkischen Menschen, aber auch anderer Migrationsgruppen. Dabei müssen wir dort sehr vorsichtig, aber auch sehr trennscharf die Mitarbeiter auswählen, die dort dann in den Haushalten die Pflegebedürftigen betreuen.

Wird derzeit bereits kultursensibel gepflegt und wenn ja, können Sie dies kurz anschaulich an einem Beispiel beschreiben?

Die ambulante Pflege berücksichtigt das schon sehr. Es gibt dort Präferenzen und Wünsche. Wir werden zu einer muslimischen Frau keinen deutschen Pfleger hinschicken. Selbstverständlich gehen wir auch auf Wünsche und Bedürfnisse der Menschen ein. Es ist derzeit in der Diskussion, ob nicht eventuell auch in Bochum, so wie es in Duisburg schon der Fall ist, für die stationäre Pflege von vornehmlich türkischen Migrantinnen und Migranten ein eigenes Altenheim errichtet werden soll.

Was bedeutet kultursensible Altenpflege für die zukünftige Generation der Altenpflegeschüler?

Für die nächste Generation der Altenpflegeschüler bedeutet dies, dass sie sicherlich eine hohe Akzeptanz für andere Traditionen, andere kulturelle Hintergründe und andere religiöse Einstellungen entwickeln müssen. Auch die Ebene der sprachlichen Verständigung wird in den Unterricht einfließen müssen, das heißt es sollten Grundbegriffe der türkischen Sprache, aber auch der polnischen und der russischen Sprache vermittelt werden.

Wie sieht die Altenpflegepraxis nach Ihrer Ansicht in etwa fünf Jahren aus?

Wenn wir uns die gesellschaftliche und die demographische Entwicklung anschauen, dann wird ersichtlich, dass der Anteil der Migrantinnen und Migranten, die alt und pflegebedürftig werden, steigt. Wir sind dort in einer Versorgungsverpflichtung, auf die wir uns in der theoretischen und praktischen Ausbildung einstellen müssen. Was die generelle Versorgung angeht, bin ich ein bisschen unsicher. Ich kann mir vorstellen, dass es sicherlich in den nächsten Jahren gute Konzepte von Versorgungsstrukturen im integrativen Bereich gibt. So werden wir etwa in unseren Heimen auch Wohnbereiche für Migrantinnen und Migranten schaffen. Ich kann mir auch vorstellen, dass sich zum Beispiel Altenpflegerinnen und Altenpfleger mit Migrationshintergrund überlegen, vermehrt eigene Pflegedienste im ambulanten Bereich zu gründen. Erste Gründungen gibt es dort schon.

Herr Machleit, vielen Dank für das Gespräch.

 

Wenn ich alt bin …

 

(frm) Am 11. Januar bekam das Stadtteilzentrum Besuch von einer Schulklasse des Berufskollegs aus Witten. Die 21 Schülerinnen und Schüler der Oberstufe des Bildungsganges „Sozialhelfer“ informierten sich zum Thema „Interkulturelle Öffnung“ der Altenhilfe und lernten dabei die offenen generationenübergreifenden Angebote des IFAK-Hauses und das Projekt „Losgehen. Ankommen.“ kennen. Viele dieser Schüler werden später in pflegerischen Berufen tätig sein, sie haben bereits während ihres Praktikums Erfahrungen in Krankenhäusern und Altenheimen sammeln können.
Wir stellten ihnen die Frage, was sie sich für ihr Leben im Alter wünschen würden. Hier einige der Antworten:

Marie, 18 Jahre:
Ich würde mir eine angemessene Pflege wünschen. Eine offene Einrichtung mit vielen verschiedenen Menschen wäre genau das Richtige. Gibt es etwas Schöneres, als in Gesellschaft alt zu werden?

Fatma, 17 Jahre:
Wenn ich in Deutschland alt werde, erwarte ich von dem Altenheim, dass ich nicht ausgegrenzt werde und meinen Glauben leben und feiern kann. Ich wünsche mir, dass ich auch das Essen meiner Kultur bekomme und ich dort mit Menschen zusammen sein kann, die meine Sprache verstehen.

Maria Michelle, 19 Jahre alt:
Ich möchte später gefördert werden, wenn die ersten Defizite auftreten sollten, wie z.B. Vergesslichkeit. Ich wünsche mir dann eine Bezugsperson, die mir zuhört und der ich meine Ängste und Trauer anvertrauen kann. Im Rahmen meiner Möglichkeiten möchte ich meine Lebenserfahrungen weiter geben, um der jüngeren Generation helfen zu können, da die nur Flausen im Kopf hat. Sollte ich krank werden, möchte ich dennoch weiterhin meine Freunde sehen und treffen können. Auch meinen Hobbys möchte ich nachgehen können.

Tatjana, 26 Jahre alt:
Ich bin in einem anderen Land geboren, fühle mich aber in Deutschland schon zuhause. Wahrscheinlich werde ich hier alt. Dann würde ich mich sehr freuen, wenn ich all die Möglichkeiten hätte, die ich in meiner alten Heimat habe: z. B. traditionellen Feste zu begehen, meiner Kultur und Religion entsprechend zu leben und mit Menschen in meiner Muttersprache zu kommunizieren. Es würde für mich bedeuten, auch im Alter in Deutschland ein Zuhause zu haben.

Nancy, 19 Jahre alt, und Johanna, 18 Jahre alt:
Wir wünschen uns einen ausgewogenen Tagesplan mit Sport und Spielen, aber auch Ruhezeiten. Es sollte kein Dosen-Essen geben, am besten wäre Bio-Ernährung. Wichtig wären uns nette und qualifizierte Pflegekräfte. Die Hygienevorschriften sollen eingehalten werden.
Unsere Traditionen sollen gelebt werden können und gerne würden wir unsere Musik hören können. Wir wünschen uns gemütliche, liebevoll eingerichtete, schöne Zimmer in freundlicher Atmosphäre.



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