Herr Machleit, was verstehen Sie unter dem Begriff der kultursensiblen Altenpflege?
Der Begriff der kultursensiblen Altenpflege ist in den letzten fünf bis sechs Jahren in die Ausbildungsszene gekommen, bedingt durch die Tatsache, dass mittlerweile in Deutschland Menschen aus anderen Kulturen hier nicht nur arbeiten, sondern auch alt werden. Für sie müssen andere Pflegekonzepte greifen als die, die wir für alt gewordene pflegebedürftige deutsche Menschen anwenden.
Warum brauchen wir eine kultursensible Altenpflege?
Es muss gesehen werden, dass gerade in der zweiten und dritten Generation der Migranten, die sozialen Netze, die quasi sonst die Pflege der Angehörigen gewährleistet haben, brüchiger werden, etwa durch Berufstätigkeit. Ebenso will ein Grossteil der alt gewordenen Migrantinnen und Migranten auch nicht mehr in ihre Herkunftsländer zurückgehen. Sie wollen hier schlicht und ergreifend – auch zu Recht – in Deutschland alt werden. Unter diesem Gesichtspunkt glaube ich, dass wir schon die eine oder andere Besonderheit in der Pflege dieser Menschen berücksichtigen müssen.
Die von Ihnen geforderte Beachtung der besonderen Ansprüche findet sich im Lehrplan der Altenpflegeausbildung unter dem Lernfeld „Lebenswelten und soziale Netzwerke alter Menschen beim altenpflegerischen Handeln berücksichtigen“ wieder. Können Sie unseren Lesern dieses Lernfeld erklären?
Wir haben in der Altenpflegeausbildung keine Unterrichtsfächer mehr, sondern Lernfelder. „Lebenswelten und soziale Netzwerke alter Menschen“ bedeutet, dass wir den Schülern Informationen über Herkunftsländer geben, dass wir den Schülern vermitteln, welche kulturellen Orientierungen und Besonderheiten gerade Migrantinnen und Migranten mitbringen, und dass wir ein Verständnis schaffen für andere religiöse und traditionelle Normen und Werte. Ein Beispiel: Wir bilden seit ganz vielen Jahren in unseren Klassen auch Menschen aus, die aus der Türkei kommen oder in der Türkei geboren sind. Wir haben sowohl männliche türkische Pfleger als auch weibliche türkische Altenpflegerinnen ausgebildet. So ist es verständlich, dass ein türkischer Mann lieber von einem türkischen Altenpfleger und ein ältere türkische Frau eher von einer türkischen Altenpflegerin betreut werden möchte. Wir müssen auf solche Besonderheiten schlicht und ergreifend eingehen.
Müsste aber nicht unter dem Aspekt der Ganzheitlichkeit die kultursensible Altenpflege fast in jedem Teilbereich angesprochen werden, beispielsweise auch im Lernfeld „Sterbende alte Menschen pflegen und begleiten“, zu dem auch die Sterberituale anderer Kulturen gehören?
Auf jeden Fall, denn wir haben in den letzten Jahren nicht nur Erfahrungen mit Menschen aus dem muslimischen Raum gemacht, sondern auch mit Menschen aus dem osteuropäischen Raum, aber auch mit Sinti und Roma. In diesen Kulturkreisen verlaufen Sterbebegleitungs- und Trauerrituale ganz anders. Das muss vermittelt werden. Wenn eine Pflegekraft das nicht erlebt hat und nicht kennt, dann kann sie manchmal schon etwas irritiert sein, welche anderen Formen von Trauer und Trauerbewältigung es gibt.
Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat vor kurzem ein Handbuch zur praktischen Umsetzung der kultursensiblen Altenpflege herausgegeben. Darin wird empfohlen, dass die einzelnen Aspekte der kultursensiblen Altenpflege im gesamten Lehrplan eingeflochten werden sollen. Wie können Sie sich so eine Umsetzung in Ihrem Fachseminar für Altenpflege vorstellen?
Dieses Handbuch gibt es erst seit kurzem. Es kann ein Projekt unser Schule sein, den schulspezifischen Lehrplan um kultursensible Anteile des Handbuches zu ergänzen, d.h. zu schauen, in welchen Lernfeldern möglicherweise auf Aspekte der kultursensiblen Pflege in Zukunft eingegangen werden muss.
Wie sieht die derzeitige praktische Umsetzung der kultursensiblen Altenpflege insbesondere im Ambulanten Dienst der Augusta Akademie aus?
Wir kommen natürlich in der ambulanten Pflege in alle Haushalte. Vor allem in der ambulanten Versorgung wächst die Nachfrage bei älteren türkischen Menschen, aber auch anderer Migrationsgruppen. Dabei müssen wir dort sehr vorsichtig, aber auch sehr trennscharf die Mitarbeiter auswählen, die dort dann in den Haushalten die Pflegebedürftigen betreuen.
Wird derzeit bereits kultursensibel gepflegt und wenn ja, können Sie dies kurz anschaulich an einem Beispiel beschreiben?
Die ambulante Pflege berücksichtigt das schon sehr. Es gibt dort Präferenzen und Wünsche. Wir werden zu einer muslimischen Frau keinen deutschen Pfleger hinschicken. Selbstverständlich gehen wir auch auf Wünsche und Bedürfnisse der Menschen ein. Es ist derzeit in der Diskussion, ob nicht eventuell auch in Bochum, so wie es in Duisburg schon der Fall ist, für die stationäre Pflege von vornehmlich türkischen Migrantinnen und Migranten ein eigenes Altenheim errichtet werden soll.
Was bedeutet kultursensible Altenpflege für die zukünftige Generation der Altenpflegeschüler?
Für die nächste Generation der Altenpflegeschüler bedeutet dies, dass sie sicherlich eine hohe Akzeptanz für andere Traditionen, andere kulturelle Hintergründe und andere religiöse Einstellungen entwickeln müssen. Auch die Ebene der sprachlichen Verständigung wird in den Unterricht einfließen müssen, das heißt es sollten Grundbegriffe der türkischen Sprache, aber auch der polnischen und der russischen Sprache vermittelt werden.
Wie sieht die Altenpflegepraxis nach Ihrer Ansicht in etwa fünf Jahren aus?
Wenn wir uns die gesellschaftliche und die demographische Entwicklung anschauen, dann wird ersichtlich, dass der Anteil der Migrantinnen und Migranten, die alt und pflegebedürftig werden, steigt. Wir sind dort in einer Versorgungsverpflichtung, auf die wir uns in der theoretischen und praktischen Ausbildung einstellen müssen. Was die generelle Versorgung angeht, bin ich ein bisschen unsicher. Ich kann mir vorstellen, dass es sicherlich in den nächsten Jahren gute Konzepte von Versorgungsstrukturen im integrativen Bereich gibt. So werden wir etwa in unseren Heimen auch Wohnbereiche für Migrantinnen und Migranten schaffen. Ich kann mir auch vorstellen, dass sich zum Beispiel Altenpflegerinnen und Altenpfleger mit Migrationshintergrund überlegen, vermehrt eigene Pflegedienste im ambulanten Bereich zu gründen. Erste Gründungen gibt es dort schon.
Herr Machleit, vielen Dank für das Gespräch.