DiDah Dialog in Dahlhausen
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Der Vollzeitjob von "Altbewerbern"
Sie schreiben Bewerbungen, manchmal mehrere an einem Tag. Sie freuen sich, wenn sie zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden. Sie machen Praktika und hoffen auf die sich anschließende Ausbildung, die ihnen versprochen wurde. Sie nehmen an Maßnahmen teil, die ihnen vom Arbeitsamt oder von der Arbeitsagentur angeboten wurden. Jahrelang suchen sie bereits, eine Ausbildungsstelle haben sie nicht gefunden. Es sind Jugendliche, etwa 20 Jahre alt, und sie werden in der Arbeitslosenstatistik als „Altbewerber“ geführt. Ungefähr 300.000 solcher Dauerbewerber gibt es in Deutschland. DiDah hat mit drei von ihnen gesprochen.
(v. l. n. r.) Necati, Lisa und Deniz
(v. l. n. r.) Necati, Lisa und Deniz
Von Wolfgang Grubert
Berufserfahrung haben Deniz, 20, und Lisa, 19, schon reichlich gesammelt. Was ihnen fehlt, ist der Beruf. Und die Arbeit. Und die Ausbildung. Versprochen wurde ihnen eine Ausbildungsstelle schon so oft: jedes Mal, als sie ein Praktikum machten.

Sie wollen Friseurinnen werden. Ihre letzte Enttäuschung ist noch ganz frisch. Deniz hatte eine Praktikumsstelle in einem Friseursalon in Essen. Als sie in den Urlaub fuhr, übernahm Lisa ihre Vertretung – es war vorher mit dem Inhaber so abgesprochen. Beiden erzählte er, dass er große Pläne hat und einen weiteren Laden aufmachen will. Weil sie gut seien, wolle er sie unbedingt in die Ausbildung übernehmen. Lisa und Deniz freuten sich schon - auch deshalb, weil sie bald zusammen arbeiten könnten. Doch dann kamen die Einzelgespräche: Deniz sagte er im Vertrauen, nur sie wolle er als Auszubildende behalten, mit Lisa sei er nicht zufrieden. Lisa erzählte er genau das Gegenteil, eine Ausbildungsstelle bekäme nur sie, Deniz sei nicht gut genug. Die beiden Freundinnen unterhielten sich und merkten, dass er sie gegeneinander ausspielen wollte. Das Ende vom Lied: Beide müssen weiter suchen.

Ungefähr zehn Praktika hat Deniz schon hinter sich. „Es läuft immer gleich ab“, sagt Deniz, „vor Beginn des Praktikums wird mir eine Ausbildungsstelle versprochen, dann heißt es: `Vielleicht´, und am Ende meines Praktikums, wenn die Mitarbeiterinnen aus dem Urlaub zurückkommen, wird mir ein gutes Zeugnis in die Hand gedrückt und das war´s dann. Wieder nichts mit einer Ausbildung.“

Ähnliche Erfahrungen hat Lisa gemacht. Eigentlich möchte sie Visagistin werden, doch so eine Ausbildung ist nur in Privatschulen möglich, und die kosten Geld - BaFöG o. Ä. gibt es dafür nicht. Also entschied sie sich für den Friseurberuf, später will sie eine Fortbildung zur Visagistin absolvieren. 60 bis 70 Bewerbungen hatte sie schon während ihrer Schulzeit geschrieben, doch nach ihrem Realschulabschluss im Jahr 2006 fand sie keine Ausbildungsstelle. Deshalb nahm sie an der „Einstiegsqualifizierung für Jugendliche“ (EQJ) teil, die ihr das Arbeitsamt angeboten hatte. Die Qualifizierung umfasste ein betriebliches Langzeitpraktikum und den Besuch der Berufsschule, durch Anrechnung des Praktikums könnte die spätere Ausbildungszeit verkürzt werden. Lisa stellte fest, dass Friseurin der richtige Beruf für sie war, doch es kamen so wenig Kunden, dass sie kaum etwas lernen konnte. „Es hatte keinen Zweck“, sagt sie, „so ein Praktikum brachte mich für meine Ausbildung nicht weiter. Ich hörte dort auf.“

Viel Hilfe vom Arbeitsamt hätten sie nicht erhalten, meinen Deniz und Lisa. „Die Vorschläge bei den Beratungsgesprächen beschränkten sich im Wesentlichen auf Berufsvorbereitungsmaßnahmen“, sagt Deniz, „Ausbildungsangebote bekam ich nicht vom Arbeitsamt.“ Beide nahmen an einer solchen Maßnahme teil, zuerst hätten sie trainiert sich zu bewerben, danach hätten sie nur noch vor dem Computer gesessen. „Es war verlorene Zeit“, urteilt Lisa. Im April dieses Jahres endete ihre Berufsvorbereitungsmaßnahme, danach hat sie wieder 30 bis 40 Bewerbungen abgeschickt und weitere Praktika absolviert. „Irgendwann verliert man die Hoffnung“, resümiert die 19-jährige Altbewerberin, „ich bemühe mich, strenge mich an, bin gutgläubig, doch ich stehe immer noch ohne Ausbildungsstelle da.“
Necati
Necati
Auch Necati, 21, ist schon lange auf der Suche. Dabei fing alles so gut an. Auf der Heinrich-Kämpchen-Schule machte er in der Projektklasse „Betrieb und Schule“ das Praktikum bei Karstadt im Ruhrpark. „Sie sagten, sie seien von mir beeindruckt“, erzählt Necati, „und ich sah mich schon nach meinem Hauptschulanschluss als Auszubildender bei diesem großen Unternehmen.“ Doch dann entschied der Konzern, lieber Jugendliche mit Fachabitur in die Ausbildung zu übernehmen. Necati besuchte die kaufmännische Schule in Wattenscheid, „aber ich war nicht so gut“, bereut er heute, „weil ich nicht richtig mitgemacht habe.“ Er ließ sich beim Arbeitsamt beraten und ein Test beim Psychologischen Dienst ergab, dass er geeignet sei für eine Ausbildung im Servicebereich in der Restaurant- und Hotelbranche. Er schrieb Bewerbungen - leider ohne Erfolg. Dann endlich glaubte sich Necati am Ziel: eine Ausbildungsstelle für das Bodenpersonal beim Flughafen, in einem personenbezogenen Brief wurde ihm eine Übernahmegarantie bescheinigt. Am 23. September hätte er anfangen dürfen. Was Necati nicht wusste: Für diese Ausbildung benötigte er einen Bildungsgutschein und den erhält nur der, der als Hartz-IV-Empfänger bei der Agentur für Arbeit arbeitslos gemeldet ist. Necati aber ist kein Hartz-IV-Empfänger.
„Ich werde wieder zur Schule gehen und meinen Realschulabschluss nachholen“, hat sich Necati jetzt entschieden. „Vielleicht kann ich dann auch mein Abitur machen, wenn ich mich anstrenge. Und das werde ich.“


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