| | Bärbel Paulus, 73 |
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Eine ganz schön starke Frau
Frau Paulus hat viele, viele Geschichten aus ihrem sehr bewegten Leben zu erzählen. Sie könnte mehrere Bücher schreiben, um all die Erfahrungen festzuhalten, die sie im Laufe ihres Lebens gemacht hat. Sie hat auch viel Glück gehabt und ist Menschen begegnet, die ihr Kraft gegeben haben auf ihrem Weg.
Barbara Weighardt-Berndt machte es Spaß ihr zuzuhören.
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Es gibt zwei Leitsprüche, die mein Leben begleitet haben. Der eine stammt von dem amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt: „Tu, was du kannst, mit dem, was du hast, und da, wo du bist!“ Dieses Motto half mir jedes Mal mich schnell zu entscheiden, wenn ich vor der Frage stand: „Was könnte ich jetzt tun, was sollte ich jetzt tun?“ Der andere Spruch ist eigentlich nur eine kurze Redewendung, ich habe sie von meiner Mutter gehört: „Wenn auch …, so dennoch!“ Immer wenn ich glaubte, eigentlich geht jetzt überhaupt nichts mehr, habe ich an meine Mutter gedacht: „Wenn auch … so dennoch!“
Kindheit, Jugend und Berufstätigkeit
Meine Mutter war Fachlehrerin für Hauswirtschaft, Nadelarbeit und Leibesübungen in Königsberg. 1933 lernte sie meinen Vater, der in Ostpreußen Ökonomie studierte, kennen, die beiden heirateten und meine Mutter musste leider aus dem Schuldienst ausscheiden – früher war das so.
Ich war ihr erstes Kind, 1935 geboren in Leipzig, wo mein Vater im Flugzeugbau bei den Junkers-Werken arbeitete. Dann ging der Krieg los und mein Vater wurde sofort am 1. September 1939 ins Feld geschickt. Uns - inzwischen hatte ich auch eine Schwester - ging es wie den meisten Familien in der Zeit: Wir wurden evakuiert und mussten öfter umsiedeln. Nach dem Krieg landeten wir schließlich in Bochum.
Als Jugendliche fing ich an über mein Leben nachzudenken. Mit zwölf Jahren wollte ich zum katholischen Glauben übertreten, weil mich ein Buch über eine Heilige sehr beeindruckt hatte. Mit 14, als ich „Tarzan“ gelesen habe, wollte ich in den Urwald nach Afrika und mich von Liane zu Liane schwingen. Aber dann habe ich doch ein ganz normales bürgerliches Leben geführt.
Ich besuchte in Essen die Höhere Handelsschule und lernte Englisch und Korrespondenz. Anschließend fand ich Arbeit bei den Firmen Prieß und Loewe im Servicebereich: Ich erklärte den Kunden die Bedienung von Büromaschinen.
Als die Bürogeräte-Firma Olivetti in Frankfurt zehn Damen zwecks Vorführung ihrer Buchungsmaschinen suchte, habe ich mich beworben und wurde gleich genommen! Ich fuhr quer durch die Republik: von Hamburg bis zum Bodensee. Tagsüber stellte ich in einem Unternehmen die Buchungsautomaten vor, die Nächte verbrachte ich in Hotels. Es kam vor, dass ich monatelang lang nicht zu Hause bei meiner Mutter war. Ich hatte immer meine Bilder, Tischdecken und eine Blumenvase mitgenommen und es mir im Hotelzimmer nett gemacht. Sonst hätte ich dieses Leben nicht ausgehalten.
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Bärbel Paulus mit ihrem Mann
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Beziehung und Ehe:
spannend und voller Überraschungen
Während dieser Reisejahre habe ich auch im Februar 1957 in einem Zug meinen späteren Mann kennen gelernt, einen deutschstämmigen Brasilianer, der in Darmstadt an der Technischen Hochschule Architektur studierte. Zwei Jahre lang ist er mir hinterher gereist. Mit dieser bewundernswerten Ausdauer hat er mich schließlich geknackt!
Allerdings konnte er nie pünktlich sein, wie ich immer wieder erfahren musste. Selbst an unserem Hochzeitstermin nicht! Es war wie in einem Roman von Courths-Mahler: 1959 wurde ich schwanger und wir wollten heiraten, aber seine Eltern waren dagegen. Auf keinen Fall sollte er mich heiraten! Doch wir waren entschlossen, der Termin stand fest. Alles war vorbereitet, die Gäste kamen, die Trauzeugen waren da, alle waren da. Nur der Bräutigam fehlte. Herr Paulus kam einfach nicht! Grund: Seine Mutter war inzwischen zu ihm nach Darmstadt angereist und hatte ihm die Heirat ausgeredet. Was sollte ich machen? "Wenn auch... so dennoch!" Keine Hochzeit! Trotzdem eine große Feier! Auf der es sogar noch recht vergnügt zuging.
Ein paar Tage später rief er an – es täte ihm alles furchtbar leid, aber das änderte nun auch nichts mehr. Am 2. Weihnachtstag besuchte er mich und blieb nur wenige Tage. Dann fuhr er zurück nach Brasilien! Und ehrlich gesagt: An einer Heirat war ich nicht mehr interessiert!
Vor Schreck habe ich meine Tochter vier Wochen zu früh bekommen, eine sehr liebe Hebamme war für mich da und vor allem meine Mutter. Die Geburt war für mich das bis dahin größte Ereignis, das ich je erlebt habe: Ich war einfach nur glücklich!
Während meiner Schwangerschaft war ich weiter berufstätig gewesen. Jetzt, nach der Geburt von Sybille, konnte ich nicht mehr reisen. Ich fand Arbeit auf dem Fischmarkt bei einer Frau, für die ich auch die Buchhaltung machte. Morgens um drei Uhr ging es los! Während dieser Zeit kümmerte sich meine Mutter um Sybille. Nebenbei begann ich eine Art Fernstudium, denn ich war auf eine Anzeige von Olivetti gestoßen, in der sie Fachlehrer für Stenographie und Schreibmaschine suchten. Nach einigen Jahren machte ich mein erstes, dann mein zweites Examen: Ich war staatlich geprüfte Fachlehrerin für Kurzschrift und Maschinenschreiben.
Mit meinen Zeugnissen in der Handtasche bin ich zu den „Kaufmännischen Schulen am Ostring der IHK“ gegangen und habe nach einer Anstellung gefragt. Umgehend wurde ich zu einer Lehrprobe eingeladen und bekam eine Stelle, die ich 31 Jahre lang innehatte. Bis auf die eine kürzere Unterbrechung, als ich nach Brasilien auswandern wollte.
Da lebte nämlich der Vater meiner Tochter während all dieser Jahre. Seine Eltern hatten in Sao Paulo eine Möbelfabrik, in der er mitarbeitete. Irgendwann, als sie in der Schweiz Winterurlaub machten, wollten sie sich mit mir und meiner Tochter - Sybille war inzwischen vier Jahre alt – treffen. Mittlerweile hatte mein Mann es endlich erreicht, dass seine Familie der Heirat mit mir zustimmte. Und dann das erste Treffen mit Sybille: Sie waren begeistert von ihrem Enkelkind,!
Sofort in der Schweiz zu heiraten war nicht möglich. Also fuhren mein Mann und ich mit dem Kind nach Bochum zurück. Hier lagen noch die fünf Jahre alten Anträge im Standesamt, sodass wir tatsächlich am nächsten Tag heiraten konnten!
Kurze Zeit später hatte ich mich entschieden mit Sack und Pack nach Brasilien auszuwandern. Es war der einzig große Fehler in meinem Leben! Wir hatten mit dem Kind keine eigene Wohnung und wohnten bei den Schwiegereltern im Haus. Mein Mann hatte aber seinen eigenen Kopf und so gab es laufend Differenzen mit seinen Eltern. Nach einem Dreivierteljahr war mein Gastspiel in Sao Paulo beendet, es ging zurück nach Bochum, mein Mann kam mit. Als 1970 mein Sohn geboren wurde, war er bei mir, sogar die Geburt hat er mit erlebt. Er blieb hier zehn Jahre, bis sein Vater starb und er wegen der Firma zurück musste. Diesmal bin ich aber nicht wieder mitgegangen: Ich mache ja viele Fehler, aber nach Möglichkeit nur einmal, und vor allem nicht zweimal einen so großen!
Mein Mann lebt seitdem überwiegend in Brasilien, und wir müssen weite Reisen unternehmen, um uns zu besuchen. Seit 32 Jahren geht das nun so. Wir führen eine Seemanns-Ehe: Wir sehen uns immer wieder mal! Es ist nicht gerade eine übliche Ehe, aber es gehört eben zu unserem Leben dazu. Dafür sind wir dann im Alter füreinander da!
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Im Alter:
immer beschäftigt und glücklich
Mein Arbeitsleben, das ich u. a. 31 Jahre lang an den Kaufmännischen Schulen der IHK Bochum als Fachlehrerin zugebracht habe, lehrte mich den Umgang mit jungen Menschen, und half mir natürlich auch, meine eigenen Kinder im richtigen Licht zu sehen. Ein Leben ohne Kinder und Enkelkinder könnte ich mir überhaupt nicht vorstellen. Sie spielen auch in meinem jetzigen Leben eine große Rolle.
Obwohl ich jetzt pensioniert bin, habe ich immer etwas zu tun. Ich lese sehr gern und viel, spiele Flöte, Gitarre und Keyboard und habe einen netten Freundeskreis. Ehrenamtlich engagiere ich mich bei der Gefangenenhilfe beim Bochumer Knast, hier betreue ich u. a. schon elf Jahre einen Gefangenen, der seit 22 Jahren wegen Mordes inhaftiert ist.
Mich stört nicht, was andere Menschen denken oder reden. Meine Mutter war da ein großes Vorbild für mich! Wie toll hat sie sich z. B. während meiner Zeit als „ledige Mutter“ verhalten und wie großartig hat sie mich unterstützt. Sie war immer gerade heraus, hatte ganz viel Zivilcourage, und davon habe ich, glaube ich, eine ganze Menge mitbekommen. Von meinem Vater dagegen, der aus dem Rheinischen stammte, habe ich wohl meine Frohnatur geerbt.
Als meine Mutter starb, war ich dabei, sie starb in meinen Armen. Ich hatte sie vorher lange Zeit begleitet, bis zum Schluss im Krankenhaus. Diese Erfahrung und auch die Sterbebegleitung bei einer lieben Freundin, die an Lungenkrebs starb, haben mich dazu bewogen, jetzt eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin beim Roten Kreuz zu machen.
Ich bin ein sehr glücklicher Mensch! Obwohl ich viele Höhen und Tiefen erlebt habe. Wenn ich auch hier manchmal in meiner Wohnung sitze und Rotz und Wasser heule, so kriege ich mich dennoch immer wieder ein! Eben wie meine Mutter: „Wenn auch … so dennoch!“ Ich bin zufrieden. Und ganz, ganz glücklich, dass alles so ist.
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