| | Monika Hüsken, 65 |
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„Mein Motto: jede Chance nutzen“
Geboren wurde Monika Hüsken 1942, also in einer Zeit, als der 2. Weltkrieg auf dem Höhepunkt war. Flucht, Vertreibung und Umherziehen bestimmten ihre ersten drei, vier Lebensjahre, bis ihre Familie dann 1946 eine Wohnung auf einem großen Gutshof am Möhnesee fand. Von da an verbrachte sie eine wunderschöne Kindheit, in der sie auch Freunde hatte, von denen sie Vieles lernen konnte. Ihre Erfahrung: „Je mehr man lernt, desto besser kommt man durchs Leben.“
Wolfgang Grubert hat zugehört.
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Monika Hüsken in ihrem Schrebergarten in Bochum-Linden
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Kindheit, Teil I:
Durchkommen und überleben
Als Jüngstes von sechs Kindern bin ich in Bochum Stadtmitte zur Welt gekommen. Nach einem Bombenangriff auf Bochum im Jahr 1943 wurden wir nach Pommern verschickt. Nach noch nicht einmal einem Jahr, als die Russen kamen, musste meine Mutter wieder mit ihren sechs Kindern flüchten. Mit dem Treck gen Westen ging´s durch den ganzen Osten bis nach Berlin, von da aus in einem offenen Waggon eines Kohlenzugs ins Ruhrgebiet. Im Gegensatz zu manch anderen Frauen hat es meine Mutter geschafft, keines ihrer Kinder zu verlieren.
Im Sommer 1945 kamen wir wieder in Bochum an - drei, vier Monate nach Ende des Krieges, als man schon mit dem großen Aufräumen begonnen hatte. Meine Mutter und meine Geschwister erzählten mir oft, dass es eine schlimme Zeit für uns gewesen war, alle suchten eine Wohnung, und auf eine Frau mit sechs Kindern und einem Bollerwagen, auf dem unser ganzes Hab und Gut verstaut war, hatte keiner gewartet.
Wie sehr wir uns auch bemühten, in Bochum fanden wir keine Wohnung. Zu unserem Glück arbeitete meine älteste Schwester Margret, sie ist 14 Jahre älter als ich, in einem Altenheim am Möhnesee. Über sie fanden wir eine Wohnung auf dem Gutshof Schulte-Drüggelte. Bis ich 13 Jahre alt war, habe ich dort gewohnt.
Kindheit, Teil II:
Auf dem Gutshof
Für mich als Kind gab es auf dem Bauernhof immer was zu entdecken. Da waren die Tiere, Hühner, Gänse, Schweine, Kühe, Pferde, dann die Ställe und Scheunen zum Spielen und Herumtollen, die Schmiede, in der es immer spannend war zuzuschauen, und schließlich die Weiden, Felder und Gärten, auf denen ich mithelfen und mitarbeiten und schon ein wenig Geld verdienen konnte. Außerdem gab es auf dem Gutshof viele Menschen, zu denen ich hingehen konnte. Gern erinnere ich mich noch an Stefan: Er kam aus Russland und war wohl schon nach dem 1. Weltkrieg hier geblieben. Stefan konnte überhaupt kein Deutsch, aber er spielte wunderbar Mundharmonika.
Häufig war ich auch bei der Familie des Melkers, mit den drei Kindern spielte ich am liebsten. Die Melkerfamilie hat mir auch eine Menge beigebracht, zum Beispiel den Haushalt in Ordnung zu halten.
Am meisten gelernt habe ich von Helga, meiner zweitältesten Schwester, und dann später auch von ihrem Mann Helmut. Die beiden waren die wichtigsten Menschen in meiner Kindheit. Helga hat sich von klein auf um mich gekümmert, sie war immer für da, sie hat mich erzogen. Und Helmut, mein Schwager? Das war mein Schwarm, so einen wie ihn wollte ich mal heiraten. Helmut konnte alles, wusste alles, machte alles. Außerdem war er ein echter Berliner, immer witzig und lustig. Genau wie Helmut – so wollte ich werden. Als Helmut sich mit einem Taschenmesser einen eigenen Schrank gebaut hatte, wollte ich es ihm nachmachen - sechs Jahre war ich da, natürlich scheiterte mein Versuch. Ganz toll fand ich auch, dass Helga und Helmut gleich ein Baby hatten und mich bereits mit sechs Jahren zur Tante machten.
1955 gingen meine Eltern leider wieder zurück nach Bochum, wir bezogen eine Wohnung am Springerplatz.
Zurück in Bochum:
Ausbildung
Nach der Schule, mit 14, habe ich eine Ausbildung zur Verkäuferin gemacht. In den fünfziger Jahren gab es nur wenig Arbeits- und Ausbildungsstellen, da musste man nehmen, was angeboten wurde. Mein Traumberuf war Verkäuferin nicht, viel lieber wäre ich Erzieherin oder Sozialarbeiterin geworden, aber ohne Abitur war an eine solche Ausbildung nicht zu denken. Ich hatte nur acht Volksschuljahre - die Oberschule zu besuchen war teuer.
Familie
Nach der Lehre lernte ich meinen Mann kennen, schon bald war ich in Umständen und wir heirateten. Gerade mal 18 war ich da. Ich habe mich später öfter gefragt, warum ich so früh Mutter werden und heiraten wollte. Ich glaube, der Grund liegt darin, dass ich mir meine Geschwister als Vorbild genommen hatte. Als sie heirateten und Kinder hatten, kamen sie von Zuhause weg und führten einen eigenen Haushalt. Das wollte ich auch, und zwar möglichst schnell.
Doch zunächst wohnte ich mit Martina, meiner kleinen Tochter, weiter bei meinen Eltern und mein Mann bei seinen Eltern. Erst vier Jahre später, nach der Geburt meines Sohnes leisteten wir uns eine eigene Wohnung. Wir sind ins Heusnerviertel gezogen und hatten hier ein Häuschen für uns allein. Es war eine schöne Zeit, eine sehr schöne Zeit, vor allem deshalb, weil sich alle dort kannten. Martina, Martin und Petra, meine jüngste Tochter, schwärmen noch heute von den nachbarschaftlichen Bindungen in dem Viertel. Der Abriss wegen des Baus der Autobahn, des Donezkrings, hat uns allen sehr wehgetan.
Beruf
Ende 1971 fing ich wieder an zu arbeiten - ich wollte unbedingt einen Führerschein machen und dazu brauchte ich Geld. Ich fand eine Stelle in der Rechnungsabteilung bei dem Sanitärgroßhandel Triton & Belco, ich war zuständig für die Warenrücknahme, d. h. ich habe die Reklamationen bearbeitet. Nach sieben Jahren habe ich für meine älteste Tochter Platz gemacht: Martina konnte so, als sie die mittlere Reife hatte, eine Ausbildung zur Großhandelskauffrau machen.
Ich arbeitete jetzt, das war 1980, in einer Zulieferfirma für den Bergbau, hier wurden Hochdruckschläuche produziert. Die Firma war so klein, dass ich nicht nur die einzige im Büro war, sondern auch ausliefern musste. So konnte ich lernen mit einem 7,5-Tonner zu fahren. In dem Betrieb blieb ich so lange, bis der Chef seine Schwiegertochter hier unterbringen musste. Ich erhielt die Kündigung.
Danach machte ich eine zweijährige Weiterbildung, die mir das Arbeitsamt angeboten hatte: Steno, Schreibmaschineschreiben, Buchhaltung, Einführung am Computer …
Als Martina 1986 bei Triton & Belco aufhörte, fing ich dort wieder an und blieb bis 1993, als die neuen EDV-Anlagen Arbeitskräfte überflüssig gemacht hatten.
Nun bot sich mir noch einmal die Chance umzusatteln. In einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme bei der Caritas in Wattenscheid 1995 – 1997 wurde ich als häusliche Krankenpflegerin angelernt. Nach der ABM war ich bei der „Nachbarschaftlichen Krankenpflege“, die ihren Sitz hier in Linden hat, beschäftigt, und blieb bis zu meiner Berentung im Jahr 2003.
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Monika Hüsken mit ihrer Enkelin Anna Warnke
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Rückblick
Wenn ich heute noch einmal 16 wäre, würde ich, so glaube ich, nicht viel anders machen. Allerdings würde ich nicht so früh heiraten und Kinder in die Welt setzen. Mir hat es nichts ausgemacht, früh Mutter zu sein, ich war es immer gerne, von Anfang an. Aber ein Problem war die Beziehung zu meinem Mann, sie hätte mehr intensiviert und gefestigt sein müssen, um ihn zum Vater meiner Kinder zu machen. Durch die Kinder konnten wir nicht an unserer Beziehung arbeiten, sodass wir nicht die Chance hatten zu entscheiden, ob wir überhaupt zusammenpassen.
Als wir 1979 geschieden wurden, sagte ich mir: „Nie mehr!“ Doch oft kommt es anders. Zehn Jahre nach der ersten Ehe habe ich zunächst allein gelebt, dann lernte ich meinen zweiten Mann kennen, und irgendwann haben wir schließlich geheiratet.
Was meine Ausbildung und meinen Beruf anbelangt, so habe ich alle Möglichkeiten, die mir offen standen, genutzt. Ich war immer der Überzeugung, dass man sein ganzes Leben lernen kann und soll, dass man alles mitnehmen und ausprobieren soll, weil man so die größtmögliche Chance hat, das zu finden, was einen glücklich macht. Meiner Meinung nach kann man praktisch alles lernen. Man sollte immer bereit sein sich auf neue Wege einzulassen, ohne von vornherein darüber nachzudenken, was es einem einbringt. Ich habe nämlich festgestellt: Je mehr man gelernt hat, desto eher ist man in der Lage sich umzuorientieren, wenn es die Verhältnisse erfordern, und desto größer ist die eigene Sicherheit durchs Leben zu gehen. Diese Auffassung habe ich auch mit Erfolg an meine Kinder weitergegeben.
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