DiDah Dialog in Dahlhausen
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Mustafa Pehlivan, 67
Wer will, findet Arbeit überall!
Mustafa Pehlivan ist 1940 in Çalköyü im Kreis Akçaabat, einem Vorort von Trabzon, geboren. In diesem Dorf arbeitete jeder beim Bau, es war eine Tradition. Schon als Kind war er Hilfsarbeiter beim Bau einer Bahnstrecke, später, ab 1964, war er vier Jahre selbstständiger Bauunternehmer. Er wollte Land kaufen und Häuser bauen. Die besseren Verdienstmöglichkeiten sah er in Deutschland, und Mustafa Pehlivan arbeitete bei Dr. C. Otto in Dahlhausen. Heute besitzt er zwei Häuser in seinem Heimatdorf, ein 10-Familien-Haus in Istanbul und ein Haus in Bochum-Linden, in dem er lebt. Doch, so hat er DiDah-Redakteurin Hafize Cakar verraten, will er bei der ersten Gelegenheit das Haus in Linden verkaufen, „denn ich möchte in die Türkei zurückkehren“.

Mustafa Pehlivan auf dem Balkon seines Hauses in Bochum-Linden
Mustafa Pehlivan auf dem Balkon seines Hauses in Bochum-Linden
Erste Arbeitsjahre in der Türkei
Bereits als ein Kind arbeitete ich als Hilfskraft auf dem Bau, mit 24 Jahren dann begann ich selber zu bauen, d. h. ich machte mich selbstständig. Doch mich reizte Deutschland, ich hatte gehört, dass dort Arbeiter gesucht würden und man mehr verdienen könne. Mein Vater sagte: „Die Deutschen werden aus dir Hackfleisch machen. Was hast du schon dort zu suchen?“

Trotzdem bewarb ich mich als „Gastarbeiter“, zusammen mit meinem Schwager. Bei dem Amt für Arbeitsvermittlung erfuhren wir, dass keine Arbeiter mit mehr als drei Kindern in Deutschland aufgenommen wurden. Mein Schwager hatte fünf Kinder, ich hatte ein Kind. In Istanbul musste ich mich jeder Menge verschiedener Untersuchungen unterziehen, 18 Tage dauerten die Tests. Endlich bekam ich das OK.


Die Reise in die neue Heimat

Zusammen mit 700 Arbeitern trat ich am 18. Mai 1968 mit meinem Holzkoffer die Reise an. Weitere Arbeiter stiegen hinzu und im Münchener Bahnhof waren es schließlich 1.500 Arbeiter, die darauf warteten auf die jeweiligen Arbeitsgebiete verteilt zu werden. Ich wurde mit weiteren vier Arbeitern nach Bochum geschickt. Nach viermaligem Umsteigen in einem Ort namens Essen angekommen, fragte ich einen Deutschen, der sich auskennen musste, nach der Weiterfahrt nach Bochum. Wir verstanden uns prächtig mit Handzeichen. Er gestikulierte: „Ich will auch nach Bochum. Bleib ruhig, ich sage dir Bescheid.“ Später kam er zu mir rüber und wollte eine Zigarette. Ich gab sie ihm. Dann wollte er die ganze Packung und mir zwei Mark dafür geben. Ich gab ihm zu verstehen, dass ich kein Geld dafür haben wolle. Daraufhin gab er mir die Packung zurück. Schließlich nahm ich die zwei Mark an und sagte: „Möge der Herr dir Segen bringen!“ So habe ich in Deutschland mein erstes Geld verdient.

Bei Dr. C. Otto
In Bochum war niemand da, um uns abzuholen. Unser deutscher „Reisebegleiter“ durchsuchte unsere Unterlagen und fand die Adresse und Telefonnummer der Firma, der wir zugeteilt waren, und besorgte uns ein Taxi. In Bochum empfing uns ein Pförtner, der uns in ein leeres Gebäude brachte. Er zeigte uns zwei Zimmer und gab jedem von uns ein Brot, ein Bier und ein wenig Margarine.

Am Montag begann unsere Schicht bei der Steinfabrik Dr. C. Otto, als Hilfsarbeiter hatten wir einen Stundenlohn von 3,75 Mark. Wir arbeiteten in acht Stunden pro Schicht, doch ich war es gewohnt von morgens bis abends zu arbeiten. Deshalb dachte ich, als mein Arbeitstag um 14 Uhr endete, sie wollten mir nur ein halbes Gehalt zahlen. Ich sagte sogar dem Dolmetscher: „Die lassen mich nur den halben Tag arbeiten. Ich will länger arbeiten!“

Zu Beginn musste ich hitzebeständiges Gestein für die Hochöfen pressen. 1972 habe ich dann einen Computerkurs besucht und wollte die Abteilung wechseln. Mein Vorgesetzter sagte, das sei nicht möglich. Man gab mir den Rat: „Kündige und arbeite woanders. Bewirb dich später noch einmal!“ So verließ ich Dr. C. Otto und ging nach Rheinhausen zu Krupp. Betrug mein Lohn in Dahlhausen noch 900 Mark, verdiente ich jetzt in Rheinhausen 1.800 – 1.900 Mark. Dabei war meine Arbeit sogar einfacher. Doch ich wollte zurück nach Dahlhausen. Nach drei Monaten bewarb ich mich noch mal und kam in die Abteilung, in die ich wollte.

Nach einem Jahr in Deutschland holte ich erst meinen älteren Bruder hierher, ein weiteres Jahr später dann meinen jüngeren Bruder. Zu viert wohnten wir in einem Zimmer mit 20m² in dem Heim von Dr. C. Otto. Eine kleine Küche mit zwei Herdplatten und Duschen und Toiletten mussten wir mit den Bewohnern von drei weiteren Zimmern teilen. Wir zahlten pro Kopf 70 Mark im Monat Miete.

Urlaub in der Türkei
Damals mussten wir, wenn wir in die Türkei zum Urlaub fuhren, unsere Pässe bei der Anstalt für Arbeiter und Arbeitsvermittlung stempeln lassen. Unsere Pässe waren zwei Jahre gültig. Für eine Verlängerung mussten wir 65,55 DM zahlen. Unsere Aufenthaltserlaubnis mussten wir jedes Jahr für 15 DM erneuern.

1970 fuhr ich zum ersten Mal in die Türkei. Folgende Begebenheit kann ich nie vergessen: Ich hatte eine Druckluftlampe für mein Dorf gekauft, denn es gab dort damals noch keinen Strom – übrigens auch kein fließendes Wasser. Ein griechischer Freund fragte mich, was ich mit der Lampe wolle. Er hatte mir vorher von seinem Dorf erzählt, und sein Dorf hatte Strom und Wasser. Ich schämte mich, ihm die Wahrheit zu sagen. Deshalb log ich, ich bräuchte die Lampe zum Angeln. Außerdem brachte ich 80 Hemden mit ins Dorf. Bereits am ersten Urlaubstag waren alle Hemden bis zum Abendgebet verschenkt. Als ich dann am Abend die Lampe zündete, sagten meine Freunde: „Jetzt sieht man, dass du aus Deutschland bist.“


Das erste Auto - Mustafa Pehlivan mit einem Freund
Das erste Auto - Mustafa Pehlivan mit einem Freund
Allein in Bochum-Dahlhausen
Die ersten drei, vier Jahre kaufte ich mit den Ersparnissen aus Deutschland Ackerland in der Türkei. Danach baute ich in Istanbul ein fünfstöckiges Haus mit zehn Wohnungen. Meine Frau und meine inzwischen drei Kinder konnte ich nicht nach Deutschland holen. Zuerst waren da die Schulden wegen des Lands, das ich gekauft hatte, und wegen des Hauses in Istanbul. Später dann war meine Tochter über 16 Jahre, sodass sie nicht nachkommen konnte, denn 1982 wurde in Deutschland ein Gesetz verabschiedet, wonach Kinder, die älter als 16 Jahre sind, nicht nachgeholt werden können. Wir wollten unsere Tochter nicht alleine in der Türkei lassen.

Es war nicht einfach im Heim zu leben. Meine Freunde holten ihre Familien nach und hatten eine eigene Wohnung. 1975 schließlich zog ich auch in eine Mietswohnung. Dieses Haus in Bochum-Linden, in dem ich heute noch wohne, kaufte ich 1993. Jetzt, nachdem ich seit 2001 berentet bin, will ich es bei erster Gelegenheit verkaufen. Dann werde ich in die Türkei zurückkehren.

Rückblick auf meine Zeit in Deutschland
Als ich zur Fabrik kam, arbeiteten viele Italiener dort. Die meisten sind nach Italien zurückgekehrt. Später kamen immer mehr Spanier. Die Spanier gehören zu den besten Menschen auf der Welt. Auch mit den Portugiesen verstanden wir uns hervorragend. Ähnliches gilt für die Griechen – bis zum Zypernkrieg 1974. Sie waren Freunde von uns, manche von ihnen konnten sogar Türkisch. Dann, während des Krieges, war unser Verhältnis ein wenig gestört. Wir Türken bei Dr. C. Otto haben für das türkische Heer 10.000 Mark gespendet, wozu wir uns auch den Griechen gegenüber voller Stolz bekannten. Dennoch hatten wir weiter ein gutes Verhältnis zu den Griechen in Deutschland. Wir sagten uns: „ Für die Politik zwischen unseren Ländern sind wir nicht verantwortlich.“ Jetzt arbeiten hier keine Griechen mehr. Ihre Kinder wollten nicht wie unsere bei Dr. C. Otto arbeiten.

Hätte ich doch bloß vernünftig Deutsch gelernt! Als ich hier ankam, holte ich mir sofort Stift und Bogen heraus und versuchte mir Deutsch beizubringen. Ein Freund von uns gab Sprachunterricht. Mit mäßigem Erfolg. Später nahm ich am Kurs von Türk Danis Fuat Bultan teil. Im Kurs waren wir 18. Jeden Tag fehlte dann ein Gesicht. Nach fünfzehn Tagen waren wir nur noch zu dritt. Der Kurs wurde nicht fortgeführt. Der Stress und die Müdigkeit waren der Grund, dass sie nicht durchhielten. Ich hatte viel Kontakt zu Deutschen. Mein Deutsch war daher auch etwas besser als das meiner Freunde. Trotzdem sind meine Deutschkenntnisse für die lange Zeit, in der ich hier lebe, nicht gut genug. Eine mir bekannte Deutsche lebte sechs Monate in der Türkei und spricht jetzt besser Türkisch als ich Deutsch. Das macht mir schon zu schaffen.

Wir sind hier als Arbeitsmaschinen hergekommen und wurden verbraucht. Ich empfehle Jugendlichen dringend eine Ausbildung zu machen. Es ist nicht mehr wie früher, heute hat man als Ungelernter kaum noch eine Chance. Die Jungen müssen nun einen Beruf erlernen. Wer sucht, kann noch immer Arbeit finden. Wer gewillt ist, findet sogar auf einer Bergspitze noch Anstellung. Man darf nur nicht darauf hoffen, dass die Arbeit einen findet. Die Zeiten sind vorbei. Man muss sich die Möglichkeiten selber suchen und schaffen. Mit Arbeitslosengeld darf man sich niemals zufrieden geben.



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