Kindheit und Jugend
An meine Kindheit in Istanbul denke ich gern zurück: Zum einen ging es unserer Familie 1947, als ich geboren wurde, recht gut, mein Vater war Bauunternehmer. Zum anderen war ich ein Nachkömmling und das einzige Mädchen nach fünf Jungen. Da bin ich natürlich sehr verwöhnt worden.
Ich war in der Mittelschule, als das schöne Leben zu Ende ging. Meine Eltern hatten sich getrennt. Wir zogen in eine kleinere Wohnung und meine Mutter nahm eine Arbeit in einer Fabrik auf. Doch der Verdienst reichte nicht, sodass ich vorzeitig die Schule – ich war inzwischen auf einem Gymnasium – verlassen und mit verdienen musste. Neben der Arbeit bildete ich mich in Schreibmaschinen- und Stenografiekursen weiter.
Irgendwann wurde meine Mutter so schwer krank, dass sie befürchtete, sie würde sterben und ihre einzige Tochter stünde nach ihrem Tod völlig allein da. Deshalb wollte sie mich so schnell wie möglich verheiraten. Zum Glück starb meine Mutter nicht, aber dennoch heiratete ich 1964, nach Beendigung meiner Fortbildung.
Ehe
Mein Mann war Radiatortechniker und arbeitete schon drei Jahre in Deutschland, als wir uns kennen lernten. Richtig wohl gefühlt hatte er sich nicht in dem fernen Land, und als seine Schwester ihm anbot, bei ihr zu wohnen, kehrte er in die Türkei zurück. Wir lebten also bei meiner Schwägerin. Leider war sie sehr autoritär, ich hingegen war damals sehr zurückhaltend. Ohne ihre Erlaubnis durfte ich nirgendwohin gehen, nicht einmal zur Nachbarin, selbst zu meiner Mutter nicht. Schon nach drei Monaten wurde ich depressiv. Sich in der Türkei eine andere Wohnung zu suchen, kam für meinen Mann nicht in Frage, also beschlossen wir nach Deutschland auszuwandern. Da mein Mann durch seine Rückkehr sein Recht auf Arbeit in Deutschland verloren hatte, habe nur ich mich beworben. Mit 18 Jahren und nach dreieinhalb Monaten Ehe habe ich meine Reise nach Deutschland alleine angetreten.
Zwischen der Türkei, Österreich und Deutschland
Wir waren elf Frauen und wurden nach Hannover zu der Firma Blaupunkt geschickt. Unsere Männer wollten wir bald nachholen, doch das war zu dieser Zeit nicht möglich. Als ich merkte, dass ich schwanger war, und nicht länger am Montageband arbeiten konnte, fuhr ich wieder zurück in die Türkei.
1965 wurde mein Sohn geboren und 1968 kam meine Tochter zur Welt. Ich wohnte wieder bei meiner Schwägerin und wieder mischte sie sich in alles ein, sogar in die Erziehung der Kinder. Ich war unglücklich.
Eines Tages erfuhr ich, dass in Österreich Arbeiter gesucht wurden. Da mein Mann mit seinem Berufsleben unzufrieden war, wollte er auch weg. Auf unsere Bewerbung erhielten wir eine schnelle Zusage und im November 1968 fuhr ich zunächst allein los, sechs Monate später kam mein Mann mit unseren Kindern nach. Wir arbeiteten dreieinhalb Jahre in Österreich und ich war sehr zufrieden. Doch unser Einkommen war niedrig, deshalb wollte mein Mann nach Deutschland.
Um in Deutschland einreisen zu können, brauchten wir eine Einladung. Damals gab es Leute, die gegen Bezahlung so etwas besorgten. 3.500 DM hat uns die Einladung gekostet, gegolten hat sie nur für meinen Mann und mich. Unsere Kinder mussten wir wieder zu meiner Schwägerin in die Türkei bringen.
Mein Mann wurde nach Nürnberg geschickt, ich arbeitete in einer Sockenfabrik in Gelsenkirchen-Resse. Mein Verdienst betrug 950 DM, davon musste ich auch noch die Schulden für die Einladungsgebühr abstottern. Für die Kinder schickten wir Geld in die Heimat. Ich vermisste meine Kinder sehr. Als ich endlich in Bochum eine geeignete 3-Zimmer-Wohnung gefunden hatte, kündigte mein Mann in Nürnberg und holte die Kinder nach. Einige Wochen später fand er Arbeit in Bochum und auch ich wechselte nach Bochum-Riemke zu der Firma Graetz TV.
Als mir nach einer Hüftoperation wegen langer Krankheit gekündigt wurde, klagte ich erfolgreich. Doch ich wollte dort nicht mehr arbeiten, stattdessen fing ich bei einer Schreinerei an. 17 Jahre lang habe ich dort täglich zehn Stunden für nur 600 Mark im Monat gearbeitet. Auch mein Mann verdiente nicht viel mehr. Sparen konnten wir nichts, für ein kleines Sommerhaus in der Türkei, das wir uns als Rücklage kauften, nahmen wir einen Kredit auf.
Meine Kinder und ich
Die vielen Trennungen waren für unsere Kinder, besonders für meine Tochter, schwer zu verkraften. Als sie nach Deutschland kam, sah sie nicht mich, sondern ihre Tante, also meine Schwägerin, als Mutter an. Sie stand ihrem Vater nah, aber mir gegenüber war sie distanziert. Hinzu kam, dass ich sehr autoritär war. „Seid nicht zu laut! Stört die Nachbarn nicht!“ musste ich meine Kinder immer wieder ermahnen, denn meine deutsche Nachbarin hatte sich oft über angeblichen Lärm beschwert.
Leider konnte ich mich alltags neben der Arbeit nicht so um die Kinder kümmern, wie ich es mir gewünscht hätte. Vor allem die Schulaufgabenbetreuung fiel mir sehr schwer. Zum Glück hatte ich viele deutsche Freunde, die mit uns die deutsche Sprache übten. Auch ich wollte unbedingt Deutsch lernen. Außerdem kam eine deutsche Freundin von mir zwei-, dreimal die Woche und half den Kindern bei ihren Hausaufgaben. Jeden Abend sprachen wir mit ihnen darüber, was sie in der Schule erlebt hatten.
Um die Wochenenden mit unseren Kindern verbringen zu können, erledigte ich meine Einkäufe freitags nach der Arbeit und kochte anschließend meist bis tief in die Nacht. Jeden Sonntag unternahmen wir gemeinsam etwas, wir gingen wir schwimmen, fuhren zum Picknick raus, besuchten das Phantasialand etc. Ganz besonders liebten wir Wissensspiele. Es war mir wichtig, dass es unseren Kindern an nichts fehlte. Während mein Mann und ich vier Jahre lang nicht in Urlaub fahren konnten, schickten wir unsere Kinder in Ferienfreizeiten.
Nach der Realschule begann mein Sohn eine Ausbildung zum Schreiner. Nach sechs Monaten brach er die Ausbildung ab. Wir wollten, dass er studierte, deshalb besuchte er die Fachoberschule. Meine Tochter hingegen ging zum Gymnasium. Zu dem Zeitpunkt, als sie eingeschult wurde, hatte ich das deutsche Schulsystem begriffen und konnte so Fehler, die ich bei ihrem älteren Bruder gemacht hatte, vermeiden. Hätte ich bereits bei meinem Sohn dieses Wissen gehabt, hätte ich auch ihn für das Gymnasium angemeldet.
Zu der Zeit gingen die Freunde meines Sohnes bei uns ein und aus. Meine Tochter, die schon früh wusste, was sie wollte, kümmerte sich nur um die Schule und ihre Aufgaben. Das erzeugte natürlich Reibereien unter den Kindern, besonders wegen des Lärms gab es Streitigkeiten. Also mietete ich meinem Sohn die 1-1/2-Zimmer-Wohnung auf dem Dachboden, damit beide ihre Freiheiten haben konnten. Er war mittlerweile 17 Jahre alt. Er ließ seine Haare wachsen und trug ausgefranste Hosen. Er sah aus wie ein Hippie und vernachlässigte die Schule. Wir hatten große Sorgen, dass er auf die schiefe Bahn geraten könnte. Er arbeitete nicht, zog von Zuhause aus und wohnte in einer Wohnung, die er zusammen mit Aktivisten besetzt hatte. Sein Vater hatte ihn verstoßen. Ich aber habe nie aufgehört mich um ihn zu sorgen und ihm meine Liebe zu zeigen.
Am Ende zog mein Sohn wieder bei uns ein und schaffte seine Abschlussprüfung. Danach wollte er Sozialarbeiter werden, gab den Plan jedoch schnell wieder auf. Meine Tochter hatte inzwischen ihr Abitur gemacht und da sie sprachlich sehr begabt war, studierte sie Französisch. Zwei Jahre hintereinander machten wir Urlaub in Frankreich, damit sie an ihren Französischkenntnissen arbeiten konnte. Damit sie ihr Englisch verbessern konnte, haben wir sie für vier Monate in die USA geschickt. Sie wollte Stewardess werden und wurde es auch. Sie hat sehr gut verdient.
Angespornt durch den beruflichen Erfolg seiner Schwester, wie ich glaube, packte jetzt auch meinen Sohn der Ehrgeiz. Zunächst arbeitete er in Witten bei einem Puppentheater, dann wollte er Schauspieler werden. Er nahm Unterricht in Tanz, Gesang und Schauspiel, um ihn zu bezahlen - 35 DM für eine Stunde - arbeitete er nachts als Taxifahrer und lernte tagsüber. Er sprach an den Schauspielschulen Berlin, Hamburg und Hannover vor und bestand alle drei Prüfungen. Entschieden hat er sich für Hamburg und lebte in einer heruntergekommenen Bude. Die Schule war kostenpflichtig, und so schlug sich mein Sohn als Kellner durch. Um ihn zu unterstützen, fuhr ich jeden Monat nach Hamburg. Auch meine Tochter hat ihm geholfen. Am Ende hatte er den Abschluss geschafft.
Nachdem meine Tochter zehn Jahre gearbeitet hatte, verlobte sie sich. Sie wollte Kinder haben, doch als Stewardess wäre sie ständig unterwegs gewesen, sodass sie nicht genügend Zeit für die Kinder gehabt hätte. Deswegen begann sie Sonderpädagogik zu studieren. Und mit ihr zusammen begann auch ich den Lernstress von neuem zu spüren. Nach dem abgeschlossenen Studium heiratete sie und wurde schwanger. Als das Kind da war, konnte ich in Rente gehen und auf meinen Enkel aufpassen.
Mein Ziel im Leben war es, meinen Kindern alles für ihr Leben zu ermöglichen. Das habe ich Gott sei Dank geschafft.