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Hannelore Sauerbrunn (63)
Mein Wunsch: ein Zuhause haben -
mein Ziel: ein Zuhause schaffen


Ein Jahr vor Kriegsende auf einem Bauernhof in Baden–Württemberg geboren, erlebte Hannelore Sauerbrunn als Kind Evakuierung, Lageraufenthalt und Zwangsunterbringung. Trotz vieler Entbehrungen und Vaterverlust fühlte sie sich immer in ihrer Familie aufgehoben. „Ich hatte eine glückliche Kindheit, denn meine Mutter verstand es, aus allem das Beste zu machen“, sagt sie heute. „Von meiner Mutter habe ich gelernt, wie wichtig es ist ein Zuhause zu schaffen und zu haben, Geborgenheit zu geben und zu erfahren.“ Hannelore Sauerbrunn hat ihre Lebensgeschichte Barbara Weighardt-Berndt erzählt.

Hannelore Sauerbrunn mit ihrem Mann Heinz
Hannelore Sauerbrunn mit ihrem Mann Heinz
Kindheit

Geboren wurde ich 1944 als Jüngste von drei Töchtern. Wegen der immer heftiger werdenden Bombardierungen des Ruhrgebiets war meine Mutter mit meinen Schwestern und meiner Oma, der Mutter meiner Mutter, von Essen auf einen Bauernhof in Baden–Württemberg geflüchtet. Dort also erblickte ich das Licht der Welt.
Zwei Jahre lebten wir noch in der Evakuierung, ehe wir erst mal in ein Lager ins Rheinland nach Langenberg kamen. Nach ein paar Monaten bekamen wir dann in Langenberg zwei Zimmer zugewiesen. Die Vermieterin war so „erfreut“ über die Zwangseinweisung von zwei Erwachsenen mit drei kleinen Kindern, dass sie vor dem Einzug schnell den Wasseranschluss entfernen ließ. Das Resultat: 14 Jahre lang mussten wir alles Wasser, das wir zum Waschen, Baden, Putzen und Kochen brauchten, aus dem Keller holen. Dennoch achtete meine Mutter sehr auf Sauberkeit. Immer schleppte sie das Wasser rauf, damit wir uns regelmäßig waschen konnten.
Zudem lebten wir in äußerst bescheidenen Verhältnissen. Unsere Wohnung bestand aus einem kleinen Schlafzimmer und einer kleinen Küche. In ganzen Haus gab es nur ein einziges Plumpsklo, das alle Bewohner benutzen mussten. Aber dennoch: Wir Kinder haben uns wohl gefühlt. Wir hatten unsere Mutter, wir konnten uns immer auf sie verlassen. Deswegen brauchten wir auch nie Angst zu haben, wir wussten, es war immer jemand für uns da.
Dabei muss es damals sehr schwer für meine Mutter gewesen sein, sie hatte viel bessere Zeiten erlebt, jetzt musste sie mit ihrer kleinen Rente drei Kinder großziehen. Aber Geld war eigentlich zweitrangig. Meine Mutter hatte die Gabe, das Geld, wie wenig es auch war, gut einzuteilen, wobei sie für sich selbst auf Vieles verzichtet hatte. Außerdem hat sie für uns Kinder genäht und gehandarbeitet. Meine Mutter hat immer versucht, das Beste aus allem zu machen. Mit Erfolg: Sie hat uns sogar den Besuch der Realschule ermöglicht. Bis heute bin ich ihr dafür dankbar.
„Versuch immer das Beste aus deiner Situation zu machen!“, das habe ich schon ganz früh von meiner Mutter gelernt. Sie hat mir ein Beispiel gegeben, dass man mit dieser Einstellung sein Leben meistern kann.
Auch an meine Großmutter kann ich mich noch gut erinnern, obwohl ich erst vier Jahre alt war, als sie starb. Sie hat sich immer sehr liebevoll um mich gekümmert. Sie und meine Mutter haben mir ein Gefühl von Geborgenheit gegeben.

Jugend, Ausbildung und Heirat


Im Zuge der Rückführung bekamen wir in Essen eine Wohnung. Es war wie im Traum: drei Zimmer mit Küche und einem Badezimmer! Am Anfang pendelte meine Mutter zwischen Küche und Badezimmer hin und her und drehte dort die Wasserhähne auf. Sie konnte ihr Glück nicht fassen: Endlich fließendes Wasser in der Wohnung!
Obwohl wir jetzt in Essen wohnten, ging ich wegen meiner Freundinnen zwei Jahre weiter in Neviges zur Schule und machte dort die Mittlere Reife. Gerne hätte ich danach eine Ausbildung als Krankenschwester oder Erzieherin gemacht, aber dazu musste man 16 Jahre alt sein und ich war erst 15. Ich besuchte dann die so genannte Frauenfachschule, anschließend ging ich noch ein Jahr zur Handelsschule.
Da ich mit 17 bereits meinen späteren Mann kennen gelernt hatte, war mir die Berufsausbildung nicht mehr so wichtig, zumal ich nach der Handelsschule gleich eine Anstellung in einem Büro in der Essener Innenstadt bekam.

Als wir 1964 heiraten wollten, musste meine Mutter einen Schritt tun, der ihr schrecklich schwer gefallen sein muss. Ich war 20 Jahre alt, d. h. noch nicht volljährig, denn das war man damals erst mit 21. Deshalb hätte ich das Einverständnis meines Vaters vorlegen müssen. Doch mein Vater war im Krieg vermisst geblieben und meine Mutter hatte sich immer dagegen gewehrt ihn für tot erklären zu lassen. Aber irgendwann musste sie den Tatsachen in die Augen sehen, schließlich stand uns auch noch Geld zu nach so vielen Jahren. Es war bestimmt furchtbar für meine Mutter, sie hatte immer noch gehofft… und jetzt war es damit vorbei. Ich hatte sie gezwungen endgültig zu begreifen, dass ihr Mann und unser Vater tot war.
Mein Vater? Wir hatten nie richtig mit meiner Mutter über ihn sprechen können, sie war dann ganz schnell traurig und depressiv geworden. Jahrelang hatte sie vor dem Radio gesessen und auf seinen Namen gewartet, wenn über einen neuen Transport von russischen Kriegsgefangenen berichtet wurde. Für andere Männer hatte sie sich nie interessiert, immer hatte sie auf ihn gewartet, ihr ganzes Leben lang. In einem Lederköfferchen waren die Unterlagen von ihm verwahrt, es enthielt auch alle Briefe, die er ihr geschrieben hatte. Dieses Köfferchen war ihr Heiligtum, in das sie niemanden heranließ. Nach ihrem Tod haben meine Schwester und ich diese Briefe gelesen. Erst da haben wir bereut, dass wir nie Kontakt zu den Geschwistern meines Vaters aufgenommen hatten. Vielleicht hätten sie uns geholfen, uns besser vorstellen können, was für ein Mensch unser Vater war.

Meine Familie


1967 kam unser erster Sohn zur Welt. Es war klar, dass ich nicht weiter berufstätig sein konnte. 1970 wurde unser zweiter Sohn geboren. Die nächsten zehn Jahre waren wir damit beschäftigt, die Kinder großzuziehen und mit dem Geld auszukommen, das jetzt nur noch einer verdiente. Später dann habe ich verschiedene kleinere Jobs angenommen.

Unsere Söhne haben beide nach dem Realschulabschluss eine Ausbildung gemacht und danach noch das Fachabitur bzw. das Abitur nachgeholt. Einer hat Grafik und Design studiert und hat heute ein Fotostudio in Düsseldorf. Der andere hat Biologie studiert und promoviert. Anschließend hat er zwei Jahre in Wisconsin/USA gearbeitet.
Ich habe ich mich auch sehr viel um meine Mutter gekümmert, sie ist 91 Jahre alt geworden. Im Nachhinein würde ich sagen, dass sie immer für uns Kinder da war und dass sie damit mein Leben geprägt hat. Bei meinen Kindern habe ich es auch so gemacht: Wie sie bin ich morgens immer aufgestanden und habe Frühstück gemacht. Wie sie habe ich meinen Kindern in der Schule geholfen. Und die Geborgenheit, die mir meine Mutter selbst in schwierigsten Zeiten geschenkt hat, habe ich an meine Kinder weitergegeben.

An meinem letzten Geburtstag hat uns unser ältester Sohn mit der Nachricht überrascht, dass wir im Januar 2008 Großeltern werden. Am 8. November ist Hochzeit! Bei uns ist natürlich die Freude riesengroß. Wir hatten schon nicht mehr daran geglaubt und uns deshalb nach einem „Ersatzenkel“ umgesehen. Seit 2003 betreuen wir als Tagesoma und –opa ein Kind, mindestens an zwei Tagen in der Woche kümmern wir uns um das Kind. Es ist eine Aufgabe, die wir gerne machen und die uns erfüllt, wir freuen uns jedes Mal, wenn es kommt.


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