| | Ali Karamızrak, Rentner |
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"Bei uns war jeder willkommen!"
Er kommt aus Isparta, einer Stadt, die im Süden der Türkei nördlich des Mittelmeers in einem Seengebiet liegt. Die Region ist berühmt für die Rosenzucht. Hier arbeitete er als Bauer und Rosenzüchter auf dem kleinen Hof seiner Eltern. Da der Hof nicht mehr genug abwarf, kam er im März 1971 nach Deutschland. Der DiDah-Redakteurin Hafize Cakar erzählt Ali Karamızrak über seine Zeit in der Türkei, seine Auswanderung, seine Arbeit in Deutschland und über seine Familie. Und er sagt, was er seinen Kindern für ein Leben in Deutschland mit auf den Weg gegeben hat.
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Ich wurde am 27.09.1947 in Isparta im Ortsteil Senir als Jüngstes von fünf Kindern geboren. Nur meine Schwester, sie war die Älteste von uns, blieb in der Türkei, wir vier anderen leben in Deutschland. Meine Geschwister sind vor mir, im Jahre 1963, nach Deutschland ausgewandert.
Zunächst war ich Bauer in der Türkei und arbeitete bei meinen Eltern. Im Dorf hatten wir keine Möglichkeit über die Grundschule hinaus zur Schule zu gehen. Das Bauernleben war die einzige Konsequenz. Ich säte Gerste, Weizen und züchtete Rosen. Da unser Boden nicht groß genug war, arbeiteten wir noch auf den Feldern der Großgrundbesitzer. Die Hälfte der Ernte mussten wir ihm als Pacht abgeben, die andere Hälfte durften wir als Lohn einbehalten.
Bevor ich meine Wehrpflicht 1970 ableistete, heiratete ich. Schon während meiner Wehrpflicht habe ich meine Einreise nach Deutschland beantragt. Ich wollte einige Jahre in Deutschland arbeiten, damit ich meinen Kindern eine gute Zukunft sichern könnte. Sechs Monate nach meiner Dienstzeit bekam ich eine Einladung nach Deutschland. Mein Sohn war gerade 40 Tage alt, da ließ ich meine Familie in der Türkei zurück.
Im März 1971 wurde ich zuerst in einer Gruppe von 25 Menschen nach Istanbul gebracht. Deutsche Ärzte hatten uns drei Tage lang vom Kopf bis Fuß untersucht. Bluttests, Urinproben und Röntgenaufnahmen wurden gemacht. Wer keine Erlaubnis der Ärzte bekam oder Analphabet war, wurde aussortiert. Sogar ein kleines Loch im Zahn war Grund genug nicht nach Deutschland ausreisen zu dürfen.
Endlich ging es nach Deutschland. In Hannover wurden wir aufgeteilt, die Gruppe, zu der ich gehörte, wurde einem Unternehmen im Leitungs- und Kabelbau zugewiesen.
In dem niedersächsischen Landkreis Gifhorn wurden wir auf Montage geschickt und verlegten unterirdische Kabel, acht Stunden am Tag. Morgens wurden wir von der Firma abgeholt. Unseren Dolmetscher sahen wir kaum, Deutschkurse wurden uns nicht angeboten. Immer hieß es nur: „Grabe hier!“, „Mach ein Loch!“ Alle zwei bis drei Monate wechselten wir den Landkreis. Die Firma suchte uns neue Unterkünfte und zog uns die Miete vom Gehalt ab, 150 - 200 Mark waren es damals. Wir bekamen 8,50 Mark die Stunde und 15 Mark Montagezulage pro Tag. Damals war das viel Geld, aber ich war gezwungen immer wieder umzuziehen. Nach elf Monaten nahm ich mir Urlaub und kündigte.
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Anfang 1972 - erster Türkeiurlaub: Hamide, Ali und Söhnchen Yusuf
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Nach meinem Urlaub fuhr ich nach Frankfurt, wo zwei Brüder von mir lebten. Ich arbeitete für eine Telefonfabrik, doch mein Gehalt schrumpfte auf 700 - 800 Mark. Es reichte nicht für mich und meine Familie in der Türkei. Dazu war es in Frankfurt nicht leicht eine Wohnung zu finden. Für eine Einzimmerwohnung, in der ich nicht einmal kochen durfte, zahlte ich 100 Mark im Monat. Nach sechs Monaten war für mich Schluss.
Ich zog zu meinem anderen Bruder nach Bochum. Direkt am zweiten Tag in Bochum fand ich in Linden bei der Eisengießerei Wolff Arbeit. Ich sollte sofort anfangen, doch ich musste erst einmal eine Aufenthaltserlaubnis für Bochum beantragen. Danach arbeitete ich in den nächsten fünfeinhalb Jahren von 5.00 Uhr morgens bis 17.00 Uhr abends. (Heute steht auf dem ehemaligen Gelände der Firma Wolff ein Autohaus.)
Anders als in Frankfurt waren die Mieten in Bochum niedrig, für 100 -130 Mark konnte man eine anständige Wohnung finden. Ende 1972 konnte ich deshalb endlich meine Frau und meinen Sohn rüberholen. Ab Juni 1973 arbeitete meine Frau in Bochum-Linden bei dem Kabelwerk Rheinshagen. (Auch diese Fabrik steht heute nicht mehr.)
Gemeinsam zogen wir unseren Sohn auf. Wenn meine Frau Frühschicht hatte, ging ich auf Spätschicht, und umgekehrt – immer im Wechsel. Später schickten wir ihn zu seiner Großmutter in die Türkei. Hier verbrachte er seine ersten vier Schuljahre.
Nach der Schließung von Wolff arbeitete ich die nächsten zehn Jahre in Hattingen bei Thyssen auf der Henrichshütte. Als 1987 auch dieses Werk geschlossen wurde, war ich fünfeinhalb Jahre weiter bei Thyssen in Duisburg - jeden Tag anderthalb bis zwei Stunden Busfahrt zur Arbeitsstelle. Die Bedingungen, unter denen wir dort arbeiteten, waren sehr gesundheitsschädigend, denn trotz unserer Masken atmeten wir täglich Eisenstaub ein. Damals war ich schwer krank, durch den Staub hatte ich Bronchitis und andere Atemwegsleiden. Als sie uns 1994 wegen Rationalisierungen eine Abfindung anboten, nahm ich vor allem aus gesundheitlichen Gründen an. Dennoch wurden meine Atemprobleme schlimmer. 2004 wurde ich endlich berentet.
Soweit zu meiner Arbeit und meiner Familie. Ich möchte jetzt Stellung nehmen zu der Frage, wie meine Familie und ich uns in Deutschland zurechtfanden.
Bevor ich nach Bochum kam, hatte ich keine Möglichkeit Deutsch zu lernen. Aber auch in Bochum blieb mir kaum Zeit dazu. Wir hatten eine 12-Stunden-Schicht, sogar am Samstag sollten wir arbeiten. Wir bekamen gutes Geld, aber dafür mussten wir auch arbeiten. Außerdem hatte ich mit meiner Frau die Kinder zu erziehen. Da war kein Patz mehr die deutsche Sprache zu erlernen.
Aber ich hatte in meinem Garten einen riesigen Tisch, um den 24 Stühle standen. Ständig kochte der Samowar. Und ich bot jedem, der vorbei kam, meinen Tee an. Ob Deutscher oder Türke, war mir egal. Gäste und ein gutes Gespräch waren mir immer willkommen.
Deshalb kam ich mit den Deutschen gut zurecht. Ich kann mich nicht an eine größere Auseinandersetzung erinnern. Auch wenn wir ab und an unseren Groll in uns hineinfraßen, taten wir immer, was die Deutschen uns sagten. Mit unseren Nachbarn verstanden wir uns gut, trotz sprachlicher Probleme konnte ich sie zu meinen Freunden zählen. Leider hat sich das mittlerweile etwas verändert. Die Besuche von Deutschen werden seltener. Warum das so ist, weiß ich nicht. Mein Samowar kocht auch nicht mehr im Garten, sondern im Haus.
Wir hatten auch griechische und italienische Freunde, wobei das Verhältnis zu den Griechen nicht so innig war wie zu den Italienern. Wir teilten uns Tee, Kaffee und Zigaretten. Die Deutschen wollten Geld für eine Zigarette, 15 Pfennig das Stück.
Wir bekamen zwei weitere Kinder hier in Deutschland. Die Schichtdienste haben wir wieder so organisiert, dass immer einer von uns für die Kinder da war. Beide Kinder haben den Kindergarten besucht.
Mein großer Sohn arbeitet ohne Ausbildung, der jüngere ist gelernter Autolackierer. Meine Tochter machte eine Ausbildung als Schneiderin. Dank ihres Kindergartenbesuchs sprechen die beiden jüngeren Kinder sehr gut Deutsch.
Eigentlich wollten meine Frau und ich nur vier, fünf Jahre in Deutschland arbeiten und danach zurückkehren. Doch es kam anders: Wir bekamen hier Kinder. Als sie hier zur Schule gingen, waren wir gebunden. Jetzt sind sie deutsche Staatsbürger, leben in Eigentumswohnungen und haben selbst Kinder.
Ich bin nicht der Typ, der gerne zurückschaut. Und selbst wenn, was könnte ich schon ändern? Selbst meine Kinder wissen kaum, was wir durchlebt haben. Das Wichtigste, was ich meinen Kindern beigebracht habe, war, mit allen Menschen auszukommen. Mit den Türken, mit den Deutschen, den Italienern, den Griechen …
Jetzt bin ich alt. Bereue ich etwas? Ja, es tut mir Leid, dass ich es versäumt habe, mich um die Berufsausbildung meines ältesten Sohnes zu kümmern. Nach vier Jahren Schule in der Türkei kam er nach Deutschland und musste in der zweiten Klasse neu anfangen. Er verlor ganze zwei Jahre. Auch danach lief es nicht so gut für ihn und er begann zu arbeiten.
Was habe ich daraus gelernt? Die Kinder sollten die Möglichkeit haben, einen Kindergarten zu besuchen. Je früher, desto besser. Dann erlernen sie die deutsche Sprache und können hier auch mit Erfolg zur Schule gehen. Meine Kinder machen es richtig, ein Enkel von mir ging sogar bereits mit anderthalb Jahren in den Kindergarten. |
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